Copyright. Ein heisses Eisen. Ein ewiges Dillema zwischen Schutz und Manipulation, zwischen Kultur und Kommerz, zwischen Fairness und Diktatur der Langeweile. Ob der US Medienimperialismus gut geht? Ob er durchgeht, ist die Frage. Denn wenn “Yes, we can!” stimmt, dann gute (Medien-)Nacht.
Copyright
Schon mit diesem Wort alleine ist eine Polemik losgetreten. Ist Kultur Allgemeingut, muss alles frei zugänglich sein? Oder sollten US Copyright Schergen weltweit Zugriff haben, Information beliebig zensiert werden? Geht es hier um einen Kampf zwischen David und Goliath, dem kleinen Künstler vereint mit dem kleinen User gegen die Hollywood-Allianz? Geht es hier um die Gefahr des grenzenlosen Patentierens und Rechteschützens, um Monsanto, um Genpatente, um das Patentieren meines eigenen Körpers – durch eine Firma? Coypright heisst Schutz vor Copy/Paste Religion. Copyright heisst ewiges Zahlen für das Grundrecht auf Unterhaltung. Aber wie weit soll Copyright gehen, wie weit geht eigentlich Copyright? Ist Copyright primär Schutz von Wissen und Kultur – oder Knebel der Elite, den Wissensdurst der Menschheit totzutrocknen?
Piraten
Die Allianz der Copyright Kritiker umfasst inzwischen nicht nur die legendäre Kopierszene mit 80 Jahre Elan und ihre mehr oder weniger altruistisch motivierten modernen Varianten, virtuelle “Legionen” wie Anonymous und gar die Politik mit der Piratenpartei, sondern kann seit Kürze gar mit einer eigenen Religion aufwarten. Copyright Kritik mittels illegaler Aktion hat Kult, hat Geschichte, polarisiert ins Extreme … und hat Brisanz.
PIPA, SOPA, Megaupload
Ob PIPA, SOPA oder Megaupload, es wird klar, dass die Zeichen auf Sturm stehen in der US Medienoligarchie. Das Medienimperium der Träume hat ausgeträumt und weckt jetzt auch andere aus seichten Träumen der freien Kopiererei. Statt gute Filme zu drehen, gute Musik zu vermarkten und dass Ganze zeitgemäss ansprechend, preiswert und schnell online anzubieten – erklären sie dem Kunden geradeaus den Krieg.
Ob das gut geht?
Die Frage, ob es gut geht, stellt man sich hier gar nicht. Sondern man reibt sich erstmal verwundert die Augen, dass das überhaupt so geht. Wo ist da die Grenze und wann kommt die Sahne auf die Torte. Wann lässt sich die USA dazu aus, einfach aus irgendeinem Grund irgendwas abzuschalten, und dann überhaupt alles abzuschalten, was nicht gefällt. Und wann ist mein Hirn dran?
Also ist die Frage, ob das gut geht, nicht zentral. Sondern die Frage, ob das geht. Wenn solche Aktionen wie Megaupload als kleiner Vorgeschmack und dann so Monstergesetze wie SOPA und PIPA durchgehen, dann, dann geht alles durch. Alles.
Der Testlauf
Es geht hier nicht primär darum, ob es Ok ist, mit Megupload Hunderte von Millionen zu verdienen. Es geht darum, dass schon mal alle US Domains, also primär alle COM ORG und NET Domains nicht mehr dem Inhaber gehören, sondern der US Justiz, den US Lobbyverbänden, der US Wirtschaft.
Das ist, gelinde gesagt, interessant. Also stehen nicht nur SOPA und PIPA kurz vor der Abstimmung und damit kurz vor der potentiellen Implementierung – Megaupload hat auch schon publikumswirksam auf die Tatsache aufmerksam gemacht, wie rasch und effizient bestehende Besetze greifen.
Soll Megaupload ein Testlauf in Liveumgebung sein? “Schweigen sie, machen wir gleich weiter!”, sagen sie sich wohl – und so kann man nur hoffen, dass nicht geschwiegen wird…
Geistiges Eigentum
Das Konzept vom geistigen Eigentum ist die noble Basis der ganzen Copyright Diskussion. Die Idee, die in Gesetz gemeisselt wurde, dass auch geistige “Ware” einen Wert – und damit einen Besitzer – hat. Ist das falsch? Für die Meisten nicht.
Andererseits leben wir heute in einer Welt, in der der Zugang zu Unterhaltung – und auch der zu Wissen – in wichtigen Bereichen so streng reglementiert wird, so abgeschottet wird, dass dieser Zugang zu Dingen wie Musik und Film so teuer ist, dass man keineswegs von einem Grundrecht auf Unterhaltung sprechen kann. Sollte es dieses geben, ist die andere Frage. Nur, sagte nicht schon Julius Cäsar, Brot und Spiele brauche das Volk? Muss man sich jetzt zu Tode langweilen, sofern man nicht reich ist?
Ist es nicht auch so, das Kultur sich gar nicht frei entfalten kann, in dieser hochkapitalistischen Copyright Umgebung? Ist es nicht so, dass jegliche ernstzunehmende Vertriebskanäle global von den Unterhaltungsmultis gekappt wurden, die zudem über eine gewaltige Hypnosemaschine verfügen, um die heisse Ware an den Mann bzw. die Frau zu bringen?
Legitimation zum freien Kopieren?
Diese Frage verneint der Gesetzgeber eindeutig. Je nach Land verschieden konsequent. Die Frage nach fairem Zugang zu Unterhaltung und Wissen löst er dadurch aber nicht. Und die extreme Monopolposition der Unterhaltungsindustrie, die intensiven Verflechtungen der Medienoligarchie, das dadurch bedingte extreme Ausdürsten der Menschheit durch Unterhaltungs- durch Wissensentzug?
Es gibt wohl keine einfache Antwort auf das Thema Copyright. Eine offene Diskussion wäre jedoch mehr als angezeigt. Und obwohl die Menschheit nach dieser durstig lechzt, obwohl die Zeit dafür mehr als reif ist, wird nur gedroht und bestraft und dass ohne jegliches Gespür, mit kolonialistischer Arroganz, mit Kreuzritter SOPA und PIPA, mit dem “gerechten” Krieg der arroganten Traumfabrik.
Wer juristisch bei Megaupload Recht hat, wird sich zeigen. Die Zeichen deuten auf Sturm und zeigen auf Lobbyismus. Daran wird möglicherweise auch der Clinton/Enron Staranwalt nichts ändern.
Das SOPA und PIPA ein Affront an die Weltgemeinde, ein freches, kolonialistisches Gesetz, ein keiner Demokratie würdiges Zensurkonstrukt sind, steht aber ausser Frage.
“Yes, we can!”, sagen sie alle, mit der Marionette Obama als Dorfanimator vorndran. Und was sollten wir sagen?
“No, you can’t!”














Ich kenne mich ehrlich gesagt bislang kaum aus, was “pipa” und “sopa” anlangt (ich hielte es noch eher für Spanisch “Pfeife” und “Suppe”), aber schon ein wenig bezüglich klassischen Copyrights wie auch Zensur.
Ich fände es sehr hilfreich, wenn Du diese Konstrukte ein wenig erläutertest.
Auf jeden Fall stimme ich Dir zu, dass trotz des Auftretens der Piraten, des Radaus um diese Gesetze und jüngst Megaupload keine ausreichende, übergreifende Debatte um die Rechte an geistigem Eigentum geführt wird, obschon eine solche, auch Genpatente berührend, dringend geführt werden müsste.
Letztlich ist das ein Thema, das unsere ganze Kultur, und hiemit alle, ganz entscheidend etwas angeht.
Ich habe mich auch schon geärgert, wenn mir ein Volltext geklaut wurde, ohne Namensnennung (anstatt einen Anreißer mit Link zu setzen), gar noch darin herumgepfuscht wurde, sinnentstellende Bilder reinmontiert, rechts und links Gold- und Silberwerbung und darunter die für einen einschlägigen Verlag.
Wäre ich Sony oder Warner Bros. oder die FAZ oder Suhrkamp, so hätten die sich das nicht einmal über eine impressumsfreie Auslandsseite je getraut.
Alles muss auf den Tisch.
@Magnus Göller
“Alles muss auf den Tisch.”
Ja, Copyright ist ein komplexes, kontroverses Thema. Alles muss auf den Tisch.
Ist es nicht oft das Copyright des kleinen Mannes, der über den Tisch gezogen wird, als Konsument nicht Unterhaltung und Wissen zu fairen Bedingungen beziehen und als Produzent nichts schützen kann. Und das Copyright der Grossen, dass wie ein feuerspeiender Drache durch die Welt zieht und jede Freiheit verschlingt?
Ob Copyright Freiheit ala Piraten für Konsumgut oder das Copyright auf die Natur, Gene, den Menschen, ob das Copyright des Einzelnen oder das Copyright der Multis… all das sollte durchdiskutiert werden. Offen und bereitschaftswillig.
So aber werden die Unterhaltungsmultis zu den Gehilfen der 1984 Order, Hollywood wird zum CIA… und die Menschen dürfen sich nicht unterhalten, nur langweilen, ohne Geld.
Ist das nicht ein schier religiös geführter Kreuzritter Fundamentalismus der Unterhaltungsindustrie?
Obwohl ich eigentlich den Schutz des geistigen Eigentum befürworte, schreckt die ganze Diskussion bzw. die dunklen Seiten des Copyright Imperiums so ab, dass ich mich oft frage, ob eine copyright freie Welt nicht das kleinere der Uebel wäre…
Das Urheberrecht hat unzähligen Künstlern überhaupt erst eine Existenz gegeben.
Vorher konnten sie nur auf dem Jahrmarkte Kasper spielen oder sich Potentaten andienen.
Allgemeine Ausschüttungen sind Irrwitz.
Da wäre dann mein jüngerer Sohn schnell dran, solche einzuklagen.
Wenn das Urheberrecht fällt, werde ich, wie schon angekündigt, boshaft.
Dieser einen letzten Chance als Künstler beraubt, riefe ich dann auch alle anderen dazu auf, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu zerstören, was sie einfach nur bis zum Ende vernutzen will.
Dann wird der unnötige geistige Bodensatz im pekuniären Sinne so aufstehen, wie es dessen Aufgabe.
Dichter und Denker im Endkampf wider die Plutokratie.
Das wird spannend.
@Magnus Göller
Dem kann man nur beipflichten!
Andererseits hat Copyright auch zu unheimlichen Verzerrungen geführt, die Monopolisten der Unterhaltungskultur profitieren schier unendlich davon und die Despoten der Menschheit nutzen Copyright-Schutz mit PIPA SOPA und Konsorten augenscheinlich als Hintertür für Zensur und letztlich Diktatur – und Copyright auf meinen eigen Genen ist ja wohl der böseste Witz.
Wenn ich hingegen als kleiner Mann ein Patent oder eine Marke oder gar meinen Artikel, meine Musik, meine geistigen Errungenschaften schützen will, brauche ich mächtig Kohle und Juristen…
Und das Urheberrecht wird nicht fallen, im Gegenteil, die Frage ist, wer vom Schützen primär profitiert bzw. bis heute primär profitiert hat.
Nachdem ich bezüglich PIPA und SOPA jetzt ein bisschen genauer kundig gemacht habe, ist mir klar, dass die mit der Verteidigung des klassischen Urheberrechtes nur begrenzt zu tun haben, sondern vielmehr tatsächlich ein Drohpotential und reales Machtmittel aufgebaut werden soll, das weit über Vergangenes und Heutiges hinausgeht.
Es riecht mächtig nach Zensurwaffe.
Schon die Drohung, über Google und die Server durchzugreifen, ist beispielsweise für alle sogenannten “whistleblower”, jene, die auf solche verlinken (“peddling”: reicht das?) potentiell fatal.
Fatal ist auch, meiner Ansicht nach, dass durch solcherlei Aktivitäten jene Bestätigung und Auftrieb erfahren, die meinen, man solle gleich alles freigeben: Ich fühle mich mit meiner Position zwischen Zensurmonstern und “Piraten” förmlich zerrieben.
Letztere nämlich schaffen ein Bewusstsein, das dem Klau beispielsweise von Deiner oder meiner Seite absolut Vorschub, moralische Rechtfertigung verleiht, diesen damit befördert, während all die Digihelden, wie oben schon erwähnt, sich gegenüber den Großen weiterhin, Maulhelden, die sie sind, verkriechen.
Was das Verhältnis zwischen Großen und Kleinen noch weiter, als dies die letzten Jahre im Netz schon geschah, zugunsten ersterer verschiebt.
Dass die Netzpiraten also in gewisser Weise – bewusst oder wohl meist unbewusst – als Handlanger der Konzerne und mittelbar auch der harten Zensur fungieren, hat ihnen wohl noch keiner gesagt. In dem Sinne ist es mir auch erst im Zuge dieser Diskussion klargeworden. Ich werde daher den Gedanken wohl noch einmal aufzäumen und, sobald dieser Kommentar freigeschaltet ist, von meiner Seite auf diese hier hinweisen und verlinken. (Alle Texte sind ja wohl von uns. Also haben wir nicht “gepeddlet”.)
@Magnus Göller
“Ich fühle mich mit meiner Position zwischen Zensurmonstern und “Piraten” förmlich zerrieben.”
Genauso geht es mir auch. Vor den Karren gespannt und wie Vieh getrieben, komme ich mir vor. Eine offene Diskussion wäre wohl, was sie am meisten fürchten. “Divide & Conquer” statt Dialog und Konsens ist ganz in ihrem Sinne.
Ja, “Divide & Conquer”: Danach schmeckt das.
Immerhin, wenn ich schon ein bisschen verschwörungstheoretisch werden will: Ich habe mich sehr gewundert, mit wie viel Wohlwollen eine völlig diffuse Chaotentruppe wie die Piraten von der deutschen MSM-Presse gehätschelt wurde und immerzu weiterhin geschont wird. Nirgend harte Kritik dahingehend, dass diese Formation außerhalb der Netzpolitik – und selbst in dieser sehr zweifelhaft – keinerlei griffige Ansätze liefert. Man ist ein bisschen libertär, ein bisschen sozialistisch (bedingungsloses Grundeinkommen), ein bisschen homo, ein bisschen Nerd, ein bisschen links, so irgendwie vielleicht auch ein bisschen antikrieg, ein wenig kapitalismuskritisch, letztlich: nichts.
So eine hodenlose Veranstaltung soll uns also vor der Übergriffigkeit faschistoider Machtagglomerationen bewahren? Dass ich nicht lache. Es sieht in der Tat aus, als seien wir in eine heillose Spiegelfechterei geführt.
@Magnus Göller
Genau, aber wirklich genauso sehe ich die Piratenpartei auch. Diese ist m.M. nach mit Bestimmtheit infiltriert oder gar so geplant.
Uebrigens, auf 20min wurde gerade ein Artikel zum Thema publiziert, und die Kommentare sind interessant. Augenscheinlich ist eine Minderheit, aber doch, schon so langsam im Bilde, was da abläuft:
http://www.20min.ch/digital/webpage/story/Die-Download-Piraten-hechten-von-Bord-23354552
“Ich finde wir hier in der Schweiz sollten die treibenden Kräfte hinter solchen Massnahmen nicht als Justiz ehren. Lasst uns das Kind doch beim Namen nennen und den Sieg der US-Wirtschaft, bestimmt aber nicht der US-Justiz zuschreiben.”
“Ich weiss, interessiert ja keinen und überhaupt ist das ganze ja nur eine weitere Verschwörungstheorie wie die Amerikaner die Weltherrschaft ansich reissen. Aber mal ganz im Ernst, wärend dem hier über einen Einzelfall berichtet wird, kann es schon sehr bald Realität sein, dass einfach mal die grössten 20 Filehoster garnicht mehr erreichbar sind, weil eine Interessengruppe nurmalso auf Verdacht die Schliessung (bisauf weitere Klärung) veranlassen kann. Ach was solls, es wird euch dann interessieren wenn Ihr Facebook nicht mehr erreicht, nur dann müsst Ihr nicht mehr zu uns ITlern kommen…”
Noch funktioniert das Netz nicht so schlecht. Dein Beitrag ist beim Google gegenüber heute Nachmittag unter “SOPA PIPA” schon deutlich aufgerückt. Nutzen wir unsere diesbezüglichen Möglichkeiten nach Kräften, solange wir sie haben. Zum Copyright werde ich bei mir möglichst zeitnah eine originäre Idee einstellen und erläutern, die mir auch erst anhand unserer Diskussion kam, ich aber doch noch etwas reifen lassen will. Ein Konzept, das die Interessen der Kulturschaffenden schützen und wahren könnte und die Übermacht der Megamedien gleichzeitig eindämmen. Denn darum geht es.
@Magnus Göller
“Noch funktioniert das Netz nicht so schlecht”
Noch… wie Du treffend schreibst, denn man muss schrei(b)en, solange man eine Stimme hat.
Und ja, genau um dieses Gleichgewicht geht es auch meiner Meinung.
Ich will hier – werde es vielleicht nochmal gesondert bei mir tun – alle Speicherspezialisten dazu aufrufen, privat alles Interessante und Wichtige zu sichern, wie als ob sie der Deibel dazu ritte. Brennen, ausdrucken, was das Zeug nur hält. Ich habe die Zeit kaum dazu, aber andere, die begreifen, was geht. Unbekannte, diskrete Archive ohne Ende. Das ist jetzt ein wichtiger, ein großer, vielleicht entscheidender Trumpf.